Antrag für die Aufnahme als Archepassagier:
Kommunbrauen – eine gefährdete Kulturtechnik gemeinschaftlicher Bierherstellung

 

Beschreibung des Passagiers

Das Kommunbrauen ist eine bis ins Mittelalter zurückreichende Form gemeinschaftlich organisierter Bierherstellung. Diese entstand in Gemeinden mit Bürgerbraurechten und gemeinschaftlich genutzten Kommunbrauhäusern. Im Mittelpunkt steht nicht ein bestimmter Bierstil, sondern eine historische Kulturtechnik, die Produktion, Organisation und soziale Verantwortung miteinander verbindet.

Auch wenn sich Brautechnik und Bierstil im Lauf der Jahrhunderte entwickelt haben, so blieb die konsequente Arbeitsteilung als wesentliches Merkmal des Kommunbrauens unverändert. Die technisch anspruchsvollen und energieintensiven Arbeitsschritte der heißen Bierbereitung, vom Maischen über das Läutern bis zum Würzekochen, erfolgen zentral im Kommunbrauhaus. Dort stehen die erforderlichen Brauanlagen und die gemeinsame Infrastruktur zur Verfügung.

Ein Sud wird in der Regel für einen einzelnen Brauberechtigten bzw. Zoiglwirt gebraut. Meist sorgt der Auftraggeber für die Beschaffung von Malz, Hopfen und Brennholz und erledigt in vielen Fällen die Arbeiten im Brauhaus.  Privatleute teilen sich häufig einen Sud entsprechend ihrer Braurechte und ihrem Bedarf. Nach Abschluss der Arbeiten im Kommunbrauhaus übernimmt jeder Brauberechtigte seinen Anteil an der Würze und führt Gärung, Lagerung und Reifung selbstständig durch. Die Verantwortung für das fertige Bier liegt damit beim einzelnen Hausbrauer.

Diese Verbindung aus gemeinschaftlicher Sudherstellung und dezentraler Weiterverarbeitung unterscheidet das Kommunbrauen grundlegend sowohl von der gewerblichen Brauerei als auch von modernen Haus- oder Hobbybrauereien.

Eine bis heute lebendige Ausprägung dieser Kulturtechnik hat sich in der nördlichen Oberpfalz erhalten. Dort wird häufig die Bezeichnung „Zoigl“ verwendet. Ursprünglich bezeichnete diese jedoch nicht das Bier selbst, sondern das Zeichen, mit dem ein geöffneter Ausschank angezeigt wurde. Der Begriff ist heute nicht geschützt und wird zunehmend auch für Biere verwendet, die nicht nach den historischen Grundprinzipien des Kommunbrauwesens entstehen. Gegenstand dieses Antrags ist daher ausdrücklich die Kulturtechnik des Kommunbrauens und nicht die Verwendung der Bezeichnung „Zoigl“.

 

Gefährdung des Passagiers

Das Kommunbrauen ist heute gefährdet, weil die historischen Voraussetzungen dieser Kulturtechnik zunehmend verloren gehen. Ein wesentlicher Aspekt ist die rechtliche Grundlage. Die historischen Braurechte sind an bestimmte Anwesen gebunden und werden mit der jeweiligen Immobilie übertragen. Seit den grundlegenden Neuordnungen des frühen 19. Jahrhunderts werden keine neuen Kommunbraurechte mehr geschaffen. Die Zahl der Brauberechtigten ist damit dauerhaft begrenzt und kann langfristig nur abnehmen.

Hinzu kommt der Verlust historischer Kommunbrauhäuser. Waren diese früher in Süddeutschland verbreitet, sind heute nur noch eine Hand voll von ihnen in der nördlichen Oberpfalz aktiv. Diese sind über 100 Jahre alt und die technische Ausstattung stammt großteils ebenfalls aus dieser Zeit. Die unter Denkmalschutz stehenden Anlagen sind wichtige Zeugnisse der überlieferten Braukultur, entsprechen jedoch in wesentlichen Bereichen nicht mehr den heutigen technischen Anforderungen. Engagierte Kommunbrauer sind daher versucht, künftig den gesamten Brauvorgang in eigenen kleinen Brauanlagen zu Hause durchzuführen, wodurch das Kommunbrauwesen weiter geschwächt würde.

Ein erhebliche Gefährdung liegt auch in den Anforderungen an die Menschen, die diese Kulturtechnik heute noch tragen. Die Zoiglwirte öffnen ihre Ausschänke in der Regel nur wenige Male im Jahr, meist für drei bis vier Tage. Jeder Ausschank erfordert umfangreiche Vorbereitungen. Räume müssen hergerichtet, Speisen vorbereitet, Vorräte beschafft und ausreichend Helfer organisiert werden.

Da die meisten Brauberechtigten ihren Lebensunterhalt außerhalb des Kommunbrauwesens verdienen, erfolgen Brauen, Vorbereitung und Ausschank zusätzlich zum Hauptberuf. Der Betrieb einer Zoiglstube ist deshalb nur mit erheblichem persönlichem Einsatz und der Unterstützung der gesamten Familie möglich. Mit jeder Familie, die diese Belastung nicht mehr übernehmen kann oder keine Nachfolger findet, geht nicht nur ein Ausschank verloren. Verloren geht zugleich das Wissen über Brauen, Gärung, Lagerung, Bewirtung und die Organisation einer gemeinschaftlichen Braukultur. Gefährdet ist somit das gesamte System des Kommunbrauens.

 

Erwerbbarkeit des Passagiers

Kommungebrautes Bier nach dieser traditionellen Herstellungsweise ist heute nur noch an wenigen Orten erhältlich. Es wird überwiegend direkt von den Brauberechtigten ausgeschenkt und ist eng an die historischen Ausschanktermine gebunden.

Die Erhaltung der Kulturtechnik wird heute von den verbliebenen Kommunbrauhäusern, den Hausbrauern, den Zoiglwirten, den Braugemeinschaften sowie den beteiligten Gemeinden getragen. Die Herstellung erfolgt bewusst in kleinen Mengen und ist nicht auf kontinuierliche industrielle Produktion ausgerichtet.

 

Regionale Bedeutung

Das Kommunbrauen war über Jahrhunderte in zahlreichen süddeutschen Regionen verbreitet und prägte die kommunale Braukultur vieler Städte und Märkte. Es verband gemeinschaftliche Infrastruktur mit individueller Verantwortung und schuf eine enge Verbindung zwischen Lebensmittelherstellung und dörflichem beziehungsweise städtischem Zusammenleben.

In der nördlichen Oberpfalz hat sich diese historische Organisationsform bis heute erhalten. Dort bilden Kommunbrauhaus, Hausbrauer und wechselnde Ausschänke noch immer eine funktionierende Einheit. Die Zoiglstuben sind nicht nur Orte des Bierausschanks, sondern Ausdruck einer lebendigen Gemeinschaftskultur, in der Herstellung, Gastfreundschaft und regionales Brauchtum unmittelbar miteinander verbunden sind.

 

Geschmack

Das heutige kommungebraute Bier ist ein naturtrübes, untergäriges und unfiltriertes helles Bier. Auf Pasteurisierung wird ebenso verzichtet wie auf künstliche Zusatzstoffe für die Haltbarkeit.  Es zeichnet sich durch eine große geschmackliche Individualität aus. Diese entsteht durch weitgehenden Verzicht auf technische Standardisierung, eine dezentrale Gärung und Lagerung sowie die Erfahrung des jeweiligen Hausbrauers.

Die historische Ausstattung der Kommunbrauhäuser, unterschiedliche Bedingungen während Gärung und Lagerung sowie die individuelle Arbeitsweise der Hausbrauer führen dazu, dass jeder Sud ein Unikat ist. Schwankungen zwischen einzelnen Suden sind kein Qualitätsmangel, sondern Ausdruck einer handwerklichen Kultur, die bewusst nicht auf vollständige Gleichförmigkeit ausgerichtet ist.

 

Besonderheiten bei der Erzeugung und Weiterverarbeitung

Das Kommunbrauen verbindet gemeinschaftliche und individuelle Herstellungsschritte in einzigartiger Weise. Während die heiße Bierbereitung im Kommunbrauhaus erfolgt, übernehmen die Hausbrauer die weitere Entwicklung des Bieres bis zum fertigen Produkt.

Diese Arbeitsteilung setzt Erfahrung, Verantwortungsbewusstsein und über Generationen weitergegebenes Wissen voraus. Die Qualität des Bieres entsteht nicht durch vollständige technische Kontrolle, sondern durch das Zusammenspiel historischer Brautechnik, handwerklicher Erfahrung und individueller Betreuung jedes einzelnen Sudes.

Die Kulturtechnik des Kommunbrauens bewahrt damit nicht nur historische Brauanlagen und Braurechte, sondern auch eine über Jahrhunderte gewachsene Form gemeinschaftlicher Lebensmittelherstellung.

 

Ziel des Arche-Antrags

Mit diesem Antrag soll nicht eine einzelne Biermarke oder eine regionale Spezialität in die Arche des Geschmacks aufgenommen werden. Ziel ist die Anerkennung und Bewahrung des Kommunbrauens als historischer Kulturtechnik. Die heute noch bestehenden Kommunbrauhäuser in Verbindung mit den Hausbrauern sind die letzten lebendigen Träger einer ehemals weit verbreiteten Form gemeinschaftlicher Bierherstellung und verdienen besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung.

 

Kommunbrauhäuser, Eigentümer und Verantworliche

Windischeschenbach
Kommunbrauhaus Windischeschenbach
Braugasse 1, 92670 Windischeschenbach
Eigentümer/Träger: Kommunbraugenossenschaft Windischeschenbach
Vertreter/Ansprechpartner: Anton Heinl

Neuhaus
Kommunbrauhaus Neuhaus
Wurzer Straße 2, 92670 Windischeschenbach-Neuhaus
Eigentümer/Träger: Kommunbraugenossenschaft Neuhaus
Vertreter/Ansprechpartner: Jürgen Punzmann

Eslarn
Kommunbrauhaus Eslarn
Brennerstraße 28, 92693 Eslarn
Eigentümer/Träger: Markt Eslarn
Vertreter: 1. Bürgermeister Thomas Kleber
Kommunbrauer Felix Weinfurtner

Mitterteich
Kommunbrauhaus Mitterteich
Vorstadt 13, 95666 Mitterteich
Eigentümer/Träger: Stadt Mitterteich
Braugemeinschaft: Gemeinschaft der noch aktiven Hausbrauer
Kommunbraumeister und Ansprechpartner: Wilhelm (Willi) Oppl

Falkenberg
Kommunbrauhaus Falkenberg
In der Schwaige, 95685 Falkenberg
Eigentümer/Träger: Markt Falkenberg
Vertreter: 1. Bürgermeister Matthias Grundler

 

aktive Zoiglwirte mit Bier vom Kommunbrauhaus

Eslarn

Zoiglstum „Zum Strehern“
Albert und Lisa Grießl
Tillystraße 4, 92693 Eslarn

Falkenberg

Zoiglstube Hafnerkarl
Familie Vogel
Kindergartenweg 7, 95685 Falkenberg

Zoiglstube Kramer-Wolf Zoigl
Wolfgang Fischer
Tirschenreuther Str. 4, 95685 Falkenberg

Mitterteich

Zoiglstube Lugert
Hans Lugert
Bachgasse 12, 95666 Mitterteich

Neuhaus

Schafferhof Zoigl
Reinhard und Gabi Fütterer
Burgstraße 6, 92670 Windischeschenbach-Neuhaus

Zoiglkeller Schoilmichl
Markus Punzmann
Marktplatz 20, 92670 Windischeschenbach-Neuhaus

Zoiglstube „Käckn“
Familie Schönberger
Marktplatz 18, 92670 Windischeschenbach-Neuhaus

Teicher Zoigl
Familie Punzmann
Marktplatz 4, 92670 Windischeschenbach-Neuhaus

Bahler Zoigl
Thomas Witt
Marktplatz 12, 92670 Windischeschenbach-Neuhaus

Lingl-Zoigl
Familie Bauer
Burgstraße 1, 92670 Windischeschenbach-Neuhaus

Windischeschenbach

Zoigl „Beim Gloser“
Familie Popp
Lehnerberg 2, 92670 Windischeschenbach

Zum Roud’n
Anton Heinl
Stadtplatz 3, 92670 Windischeschenbach

Beim Binner
Robert Sperber
Kleiau 3, 92670 Windischeschenbach

Schloßhof Zoigl
Familie Weiß
Schloßhof 13, 92670 Windischeschenbach

Zoigl Fiedlschneider
Marco Litzba und Manu Redmann
Stadtplatz 15, 92670 Windischeschenbach

 

Textquellen und eigene Recherchen

Veröffentlichte Quellen

  1. Benkhardt, Wolfgang: Der Zoigl – Bierkult aus der Oberpfalz. Buch- & Kunstverlag Oberpfalz, Amberg, 2009; 2., erweiterte und aktualisierte Auflage 2013, 192 S., ISBN 978-3-935719-92-6.
  2. Dengler, Robert / Parzefall, Reinhold: Zoigl. Bier – Brautradition – Wirtshauskultur – Lebensgefühl. Stangl & Taubald, Weiden, 2014, ISBN 978-3-924783-62-4.
  3. Hiebsch, Wolfram: Braugeschichte. Regensburger kleine Beiträge zur Heimatforschung, Heft 7.
    Enthält unter anderem historische Hinweise auf Kommunbrauhäuser in Hemau (1456) und Laaber (1435).
  4. Deutsche UNESCO-Kommission: Oberpfälzer Zoiglkultur. Darstellung der Kulturform, des Kommunbrauhauses, der gemeinschaftlichen Herstellung und der Weiterverarbeitung durch die einzelnen Brauberechtigten.
  5. Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst / Bayerisches Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes: Oberpfälzer Zoiglkultur. Darstellung der historischen Entwicklung und der bis heute erhaltenen Kulturform.
  6. Bezirk Oberpfalz: Veröffentlichungen zur Geschichte und Gegenwart des Oberpfälzer Zoigl- und Kommunbrauwesens, insbesondere „Zoigl ist mehr als nur Biertrinken“ (2023) und „Ein Festtag für den Oberpfälzer Zoigl“ (2019).
  7. Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus / Genuss Bayern: Zoigl. Informationen zur Geschichte des Kommunbrauwesens und zu den heute noch bestehenden Kommunbrauorten.
  8. Bundespatentgericht: Beschluss vom 27.06.2013, Az. 30 W (pat) 47/11, Verfahren „Zoigl“. Die Entscheidung enthält umfangreiche historische und rechtliche Ausführungen zum Kommunbrauwesen, zu den Kommunbraurechten und zur Entwicklung der Zoigltradition.

Eigene Recherchen, Ortsbesuche und persönliche Gespräche

  1. Eigene Recherchen des Antragstellers, 2025–2026:
    Zahlreiche Ortsbesuche und persönliche Gespräche mit Kommunbrauern, Hausbrauern und den Verantwortlichen der fünf heute noch aktiven Kommunbrauhäuser in Eslarn, Falkenberg, Mitterteich, Neuhaus und Windischeschenbach.
  2. Eigene Recherchen und Gespräche mit Zoiglwirten, 2025–2026:
    Persönliche Gespräche und Besuche bei der Mehrzahl der heute aktiven Zoiglwirte in Eslarn, Falkenberg, Mitterteich, Neuhaus und Windischeschenbach.
  3. Eigene Erhebungen vor Ort, 2025–2026:
    Dokumentation der gegenwärtigen Braupraxis, der technischen Ausstattung und baulichen Situation der Kommunbrauhäuser sowie der Organisation von Brauvorgängen und Ausschänken. Die Angaben zur heutigen Praxis und zu den aktuellen Gefährdungen beruhen, soweit nicht ausdrücklich anders angegeben, auf diesen eigenen Erhebungen und persönlichen Gesprächen.